Geprüfte Nahrungsergänzungsmittel: Welche Siegel zählen?
Von Dritten geprüfte Nahrungsergänzungsmittel: Welche Siegel haben wirklich Aussagekraft?
Sie stehen in einer Hamburger Drogerie und betrachten zwei Flaschen Omega-3. Gleicher Preis, ähnliche Versprechen. Auf einer der beiden prangt ein kleines Logo auf dem Etikett, irgendetwas mit „zertifiziert“ oder „geprüft“. Spielt dieses Logo tatsächlich eine Rolle, oder ist es nur geschicktes Marketing? Diese Frage verdient es, ernst genommen zu werden.
Bei vollen Terminkalendern greifen immer mehr jüngere Berufstätige zu Nahrungsergänzungsmitteln, um Lücken in der Ernährung zu füllen, und entsprechend geben mehr Menschen in Deutschland richtiges Geld für diese Produkte aus. Das Problem: Die Nahrungsergänzungsbranche ist in den meisten Ländern nur lose reguliert, auch hierzulande. Niemand kontrolliert jede einzelne Flasche, bevor sie ins Regal kommt.
Warum es Prüfungen durch unabhängige Dritte gibt
Hersteller dürfen die Qualität ihrer Produkte weitgehend selbst bescheinigen. Das klingt zunächst unproblematisch, bis man erfährt, dass unabhängige Tests immer wieder Produkte aufdecken, die weniger des angegebenen Wirkstoffs enthalten, mehr davon als unbedenklich ist oder nicht deklarierte Verunreinigungen wie Schwermetalle und Pestizidrückstände aufweisen.
Eine 2019 in JAMA Network Open veröffentlichte Analyse ergab, dass ein erheblicher Anteil der getesteten Nahrungsergänzungsmittel nicht die auf dem Etikett angegebenen Mengen an Wirkstoffen enthielt. Prüfungen durch unabhängige Dritte sollen genau diese Kontrolllücke schließen: Ein unabhängiges Labor testet das fertige Produkt und vergibt oder verweigert die Zertifizierung.
Die Siegel, die echtes Gewicht haben
Nicht alle Siegel sind gleichwertig. Manche stehen für strenge, unabhängige Audits. Andere sind im Grunde selbst vergebene oder gekaufte Auszeichnungen mit kaum einer Kontrolle.
NSF International (NSF Certified for Sport / NSF Contents Certified)
NSF gilt weithin als eine der strengsten Zertifizierungsstellen. Die Produkte werden auf Etikettengenauigkeit geprüft, das heißt: Was auf der Dose steht, ist tatsächlich in der Dose. Außerdem werden sie auf über 270 im Wettkampfsport verbotene Substanzen untersucht. Die Hersteller müssen zudem Audits ihrer Betriebsstätten bestehen. Dieses Siegel genießt weltweit das Vertrauen professioneller Sportorganisationen.
USP Verified
Die United States Pharmacopeia setzt bereits seit dem 19. Jahrhundert pharmazeutische Standards. Ihr Verified-Zeichen bedeutet, dass das Produkt die angegebenen Inhaltsstoffe in den deklarierten Mengen und ohne schädliche Verunreinigungen enthält und dass es sich tatsächlich auflöst und im Körper richtig aufgenommen wird. Außerdem führt die USP unangekündigte Inspektionen der Betriebsstätten durch.
Informed Sport / Informed Choice
Diese Zertifizierungen werden von LGC betrieben, einem in Großbritannien ansässigen Prüflabor, und sind bei Proteinpulvern, Pre-Workouts und Sporternährung verbreitet. Jede Charge wird getestet, nicht nur eine Stichprobe aus einem einzelnen Produktionslauf. Diese chargenbezogene Prüfung ist wichtig, weil die Verunreinigung zwischen einzelnen Produktionsläufen schwanken kann.
ConsumerLab
ConsumerLab kauft Nahrungsergänzungsmittel, die an Verbraucher verkauft werden, selbst ein und testet sie unabhängig. Die Ergebnisse werden online veröffentlicht, sodass Marken nicht selektiv bestimmen können, welche Produkte eingereicht werden. Der Nachteil: Die ConsumerLab-Zulassung ist nicht auf den Produktetiketten aufgedruckt, man muss also separat auf der Website nachsehen.
Siegel, die offiziell aussehen, aber weniger Gewicht haben
Viele Logos wirken seriös, werden aber im Grunde selbst vergeben. „GMP Certified“ ist ein gängiges Beispiel: Die Einhaltung der Guten Herstellungspraxis (Good Manufacturing Practice) ist in vielen Ländern eine grundlegende gesetzliche Anforderung und keine unabhängige Qualitätsleistung. Wenn allein „GMP Certified“ auf dem Produkt steht, sagt das nur wenig darüber aus, was tatsächlich enthalten ist.
Ebenso sind vage Begriffe wie „laborgeprüft“, „qualitätsgesichert“ oder „klinisch bewiesen“ auf Verpackungen Werbesprache und keine Zertifizierung. Sie haben keine einheitlich festgelegte Bedeutung und werden nicht unabhängig überprüft.
Was Prüfungen durch unabhängige Dritte nicht abdecken
Selbst bei einem seriösen Siegel gibt die Zertifizierung nur Auskunft darüber, was im Produkt enthalten ist. Sie sagt nicht, ob dieser Inhaltsstoff für Ihr persönliches Gesundheitsziel wirksam ist. Ein zertifiziertes Produkt mit einem kaum erforschten Inhaltsstoff bleibt ein zertifiziertes Produkt mit einem kaum erforschten Inhaltsstoff.
Ältere Generationen, die Nahrungsergänzungsmitteln skeptisch gegenüberstehen, liegen nicht ganz falsch: Qualitätszertifizierung ist ein Puzzleteil, nicht die ganze Antwort. Für regelmäßige Gesundheitschecks und individuelle Beratung bleibt ein Gespräch mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder einer Apothekerin bzw. einem Apotheker eine wertvolle Anlaufstelle, bevor Sie mit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln beginnen.
Ein praktischer Ansatz beim Einkauf
Legen Sie zunächst fest, welchen Nährstoff Sie brauchen und warum. Achten Sie dann auf Produkte mit NSF-, USP-, Informed-Sport- oder Informed-Choice-Zeichen. Prüfen Sie die Zertifizierung auf der offiziellen Website der ausstellenden Stelle. Das dauert zwei Minuten und bestätigt, dass das Siegel aktuell und nicht abgelaufen ist. Bevorzugen Sie chargengeprüfte Produkte, wenn Sie häufig Protein- oder Sportnahrung kaufen.
Der Preis ist nicht immer ein Qualitätsindikator. Manche gut zertifizierten Nahrungsergänzungsmittel sind preislich wettbewerbsfähig. Umgekehrt bietet ein teures Produkt mit nur vagen „laborgeprüft“-Aussagen möglicherweise weniger Sicherheit als eine Option im mittleren Preissegment mit einem echten USP- oder NSF-Siegel.
Verwandte Nährstoffe entdecken
Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine medizinische Beratung dar. Sprechen Sie vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit einer qualifizierten medizinischen Fachperson. Der individuelle Bedarf hängt von Gesundheitszustand, Ernährung und Medikamenteneinnahme ab.